Interview mit Christoph Janz, Managing Partner beim VC Point Nine Capital

von Samuel Ju

Vor Kurzem hat sich der Berliner Venture Capital Unternehmen Point Nine Capital an dem Londoner Legal Tech Startup Juro beteiligt. In einem Artikel vom 31.1.2017 haben wir bereits darüber berichtet.

Point Nine Capital ist ein Venture Capital Unternehmen mit Sitz in Berlin, das sich auf Frühphasen-Investments in Internet-Startups v.a. in den Bereichen Software-as-a-Service (SaaS) und Online-Marktplätzen fokussiert. Seit seiner Gründung in 2011 hat Point Nine in SaaS-Unternehmen wie Algolia, Contentful und Typeform sowie in Online-Marktplätze wie DocPlanner und StarOfService investiert. Zuvor zählten die Gründungspartner von Point Nine, Pawel Chudzinski und Christoph Janz, zu den ersten Unterstützern von Unternehmen wie DeliveryHero, Westwing und Zendesk.

In einem Interview haben wir den Point Nine Capital Managing Partner Christoph Janz zu den Hintergründen des Investments und seine (VC)-Meinung zum Bereich Legal Tech befragt.

Samuel Ju: Wie kommt es, dass Ihr als Berliner VC in ein Londoner Startup investiert habt? Und wie kam der Kontakt zu den Juro-Gründern zustande?

Christoph Janz: Bei Point Nine Capital sind wir generell ziemlich global unterwegs und haben keinen starken geographischen Schwerpunkt. Im vergangenen Jahr haben wir glaube ich sogar mehr Investments in Frankreich als in Deutschland getätigt. Der Kontakt zu den Juro-Gründern kam, soweit ich mich erinnere, über eine Intro eines gemeinsamen Bekannten zustande.

Samuel Ju: Wer sind die Gründer von Juro?

Christoph Janz: Es sind zwei Gründer, die die für die Geschäftsidee relevante und erforderliche Erfahrung mitbringen. Richard hat als ehemaliger Anwalt von Freshfields den rechtlichen Background, die Legal Domain Expertise. Er hat außerdem vorher bei LegalZoom gearbeitet und bringt also auch schon Legal Tech Erfahrung mit. Pavel ist als erfahrener CTO für die technische Umsetzung und die Produktentwicklung verantwortlich.

Samuel Ju: Was ist das Geschäftsmodell von Juro?

Christoph Janz: Es ist grundsätzlich ein klassisches SaaS-Geschäftsmodell. Es gibt keine Upfront-Lizenz, sondern eine monatliche bzw. jährliche Gebühr. Bezüglich der konkreten Preise kann ich Dir noch keine konkrete Info geben, da Juro sich noch im Closed-Beta Stadium befindet. Aber es wird sicher so sein, dass die Preise sich an den Volumina der Dokumente oder der Anzahl der Benutzer orientieren werden, sodass sowohl kleine und mittelständische Unternehmen, aber auch große Konzerne Juro nutzen können.

Samuel Ju: Was waren für Euch die Hauptargumente, dass Ihr Euch an Juro beteiligt habt?

Christoph Janz: Ich interessiere mich schon seit einiger Zeit aus der Anwendersicht für den Bereich eSigning. Als VC unterschreibt man sehr viele Verträge und es ist extrem nervig, dass immer noch alles auf Papier unterschrieben wird, um das Dokument dann wieder einzuscannen. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, ob es in diesem Bereich sinnvoll wäre, ein Investment zu tätigen, obwohl es mit EchoSign und DocuSign bereits zwei Platzhirsche gibt. Dann kam der Kontakt zu Juro zustande, die viele innovative Ansätze in ihrer Lösung verfolgen, und ein hervorragendes Gründerteam haben –  deshalb haben wir investiert.

Samuel Ju: Was sind für Dich bzw. für Point Nine Capital die wichtigsten Punkte, wenn Ihr die Beteiligung an einem Startup „prüft“?

Christoph Janz: Zunächst einmal sind es die klassische Punkte: Wie groß ist der Markt für die Geschäftsidee? Wie ist das Produkt? Wie ist das Team? Gibt es ein Problem und löst dieses Produkt dieses Problem? Wir schauen, ob es bereits relevante Metriken oder Feedback von Pilotkunden gibt. Wir gehen bei Point Nine Capital generell früher in Unternehmen rein als viele andere VCs, was natürlich auch mit mehr Risiko verbunden ist. Aber ein Demoprodukt sollte in aller Regel schon verfügbar sein. Unser initiales Investmentvolumen liegt im Bereich zwischen ein paar hunderttausend Euro und 1 Millionen Euro. Wir haben aber auch die finanziellen Ressourcen, um in Folgerunden zu investieren.

Samuel Ju: Findest Du Legal Tech als VC spannend und wenn ja, welchen Bereich?

Christoph Janz: Legal Tech ist auf jeden Fall ein Bereich, den ich spannend finde und wo wir auch, wenn es passt, gerne investieren möchten. Wir haben uns bereits im Jahr 2009 an Clio, einer Legal Case & Practice Management Lösung, mit Sitz in Vancouver, Kanada beteiligt, welches sehr erfolgreich im englischsprachigen Raum ist. Auch im juristischen Bereich finde ich den Einsatz von AI spannend. Generell wird das Thema „AI“ gerade sehr gehyped, aber der Hype ist meiner Meinung nach auch gerechtfertigt. Ich bin überzeugt, dass sich mit Hilfe von AI immer mehr Arbeiten automatisieren lassen als es bisher der Fall war, was eine enorme Zeitersparnis und eine gesteigerte Effizienz mit sich bringt.  Bei Juro werden z.B. alle Daten nicht als PDF-Scans, sondern als „intelligente“ Dokumente erfasst, sodass z.B. Kündigungsfristen und andere relevante Parameter ausgelesen werden können. Mit dem Zugang zu viele Dokumenten und Verträgen kann Juro in Zukunft in anonymisierter Form Tipps und Hinweise geben, z.B. dass die in einem Vertrag geregelte Provision eher untypisch ist oder aber, dass eine Klausel in einem NDA eher ungünstig formuliert ist.

Samuel Ju: Legal Tech scheint aus meiner Sicht im Vergleich zum Bereich FinTech bei den meisten VCs noch nicht so wirklich wahrgenommen zu werden. Warum? Wie schätzt Du Legal Tech in Deutschland und generell ein?

Christoph Janz: Das sehe ich ähnlich wie Du. Mir ist nicht bekannt, dass es einen VC gibt, der es sich auf die Fahne geschrieben hat, einen Schwerpunkt auf Legal Tech Investments zu setzen. Im Vergleich zu FinTech wird Legal Tech definitiv noch stiefmütterlich behandelt. Aber wir schauen uns gerne spannende Legal Tech Startups an und möchten in diesem Bereich auch investieren.

Samuel Ju: Vielen Dank, Christoph für das Interview!