Drittes Hamburg Legal Tech Meetup bei Hogan Lovells – Thema: Digitale Transformation (#hltm3)

von Nico Kuhlmann

Am 27. Juli 2017 fand das dritte Hamburg Legal Tech Meetup bei Hogan Lovells mit circa 75 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus verschiedenen Kanzleien, Unternehmen und Universitäten zum Thema digitale Transformation statt.

Einführung

Nach einer herzlichen Begrüßung durch Yvonne Draheim, Partnerin bei Hogan Lovells im Bereich IPMT, hat wie gewohnt Nico Kuhlmann durch den Abend geführt. Zu Beginn legte er den Hashtag des Abends fest (#hltm3), fasste die Themen des ersten und des zweiten Meetups kurz zusammen und gab einen Rückblick über die Ereignisse der letzten Monate in der Legal Tech-Szene. Dabei ging er neben dem ersten deutschen Legal Tech Hackathon im Rahmen der Berlin Legal Tech 2017 und dem Deutschen Anwaltstag zum Thema Legal Tech besonders auf das Wachstum der Chatbots DoNotPay und LawBot sowie auf die erfolgreiche Finanzierungsrunde von Advocado ein.

Corrina Schaffer (BMW Group): Impulsvortrag zur digitalen Transformation

Anschließend hielt Corrina Schaffer einen inspirierenden Impulsvortrag zur digitalen Transformation in der Automobilindustrie. Der Automobilmarkt in Deutschland ist bisher ein eher traditioneller Markt, auf dem etablierte Anbieter mit einer Null-Fehler-Toleranz vor allem hochpreisige Produkte anbieten – also bei allen bestehenden Unterschieden doch ein wenig vergleichbar mit dem Rechtsmarkt. Corrina Schaffer, die aktuell im Prozess- und Projektmanagement des Ressorts Forschung & Entwicklung arbeitet, skizzierte unter anderem, wie sich BMW aufgrund der Digitalisierung vom Automobilhersteller zum Mobilitätsdienstleister wandelt. Der Ausgangspunkt dieser Transformation sei dabei die Erkenntnis gewesen, dass die künftige Mobilität autonom, verbunden, emissionsfrei und geteilt sowie darauf ausgerichtet sein wird, die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Kunden zu erfüllen. Diesbezüglich stellte sie vor allem die verschiedenen Produkte der NOW-Reihe (DriveNow, ParkNow, ChargeNow) vor.

Nach diesem Impulsvortrag stand unweigerlich die Frage im Raum, wie Juristen ihre Dienstleistungen strukturieren müssten, um eine Art NOW-Reihe der Rechtsberatung ins Leben zu rufen. Dieser Ansatz leitete somit ideal über zum Vortrag von Dr. Sascha Theißen.

Dr. Sascha Theißen (diconium strategy): Digitale Transformation – Die Kanzlei der Zukunft

Im Anschluss referierte Dr. Sascha Theißen sehr lebhaft zur digitalen Transformation in der Rechtsbranche und über die Kanzlei der Zukunft. Sascha Theißen ist Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz, promovierter Informatiker und Fachmann für organisatorische Agilität. Bevor er im Jahr 2017 Strategieberater wurde und die Leitung des Standorts Stuttgarts des Beratungsunternehmens diconium strategy übernahm, war er als Prokurist und General Counsel verantwortlich gewesen für die Konzernrechtsabteilung der Holtzbrinck Publishing Group.

Künstliche Intelligenz (AI)

Sascha Theißen erklärte unter anderem die unterschiedlichen Richtungen und Anwendungsfelder von künstlicher Intelligenz (AI) und zeigte auf, an welchen Stellen diese in das heutige Leistungsangebot von Kanzleien und Rechtsabteilungen eingreifen. Dabei müssen allerdings sog. Deep Learning-Systeme noch teilweise aufwendig trainiert werden und sind danach nur in der Lage, eine relativ enge Nische von Aufgaben automatisiert abzuarbeiten. Erst durch die Kombination einer Vielzahl trainierter Systeme werden künftig umfassendere AI-Systeme entstehen. Zu beachten sei dabei, dass die Anbieter solcher Deep Learning-Systeme dem Anwender zwar meist die Hoheit über die für das Training verwendeten Kanzlei-Daten zusicherten, die daraus hervorgehenden Leistungssteigerungen dann aber regelmäßig dem Anbieter des Systems zur Verfügung stehen und diese auch für Dritte verwendbar sind. Das fördert die Entwicklung umfassend einsetzbarer Systeme, macht das eigene Know-how der das System trainierenden Kanzlei aber indirekt auch Wettbewerbern zugänglich. Kanzleien müssen nach der Ansicht von Sascha Theißen daher die strategische Entscheidung treffen, ob demgegenüber ein isoliertes System den höheren Trainingsaufwand wert sei. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass AI-Systeme schnell zur Commodity werden können, deren Einsatz von Mandanten dann erwartet werde, ohne einen echten Wettbewerbsvorteil darzustellen.

Blockchain

Anschließend stellte Sascha Theißen die Entwicklungen beim Einsatz der Blockchain-Technologie dar, die neben Smart Contracts auch die Bereiche Immobilien (z.B. Erprobung als Grundbuchersatz in Schweden und Großbritannien), Commerce (z.B. zur Sicherstellung der Herkunft von Diamanten), Finanzierung (z.B. zur Vergabe von Schuldscheinen durch die Daimler AG) und Verwaltung von IP-Rechten (bis hin zur Ausschüttung an Künstler in der Musikindustrie) umfasst. Heutige Blockchain-Systeme seien noch recht einfach und existierten vor allem in Feldern geringer Komplexität und mit geringem Koordinierungsaufwand. Die praktischen Auswirkungen seien heute daher noch gering. Ebenso wie beim Einsatz von AI würden aber die Claims für die Zukunft bereits heute abgesteckt, und kein Jurist könne es sich nach der Ansicht von Sascha Theißen leisten, diese Themen zu ignorieren. Zumindest die regelmäßige Beobachtung der Entwicklung und der Aufbau eigener Kompetenzen sei daher wichtig. Der Aufbau technologischen Know-hows und Kompetenz in Kanzleien sei somit wesentlich, um sich auf den Wandel einzustellen.

Drei Schritte zur Kanzlei der Zukunft

Dies allein genüge aber nicht, um die Kanzlei der Zukunft zu errichten. Es gelte vielmehr, zunächst die zukünftigen Wünsche und Anforderungen der Mandanten zu ermitteln und mit klarem Fokus hierauf dann das Leistungsangebot zu hinterfragen:

  • Welche Leistungen soll ich künftig nicht mehr anbieten, welche automatisieren, welche kann ich erweitern und welche ggf. ganz neu in mein Leistungsangebot aufnehmen?
  • Welche dieser Produkte und Dienstleistungen bringen meinem Mandanten morgen und auch übermorgen den größten Nutzen?

Im zweiten Schritt muss der Fokus dann auf die Organisation, d.h. die Menschen und deren Zusammenarbeit, gelenkt werden mit den Fragen:

  • Welche Mitarbeiter benötigen wir hierfür in unserer Organisation?
  • Welche Fähigkeiten benötigen diese Mitarbeiter?
  • Wie muss die Zusammenarbeit organisiert sein?

Erst dann folge im dritten Schritt als „Enabler“ die Frage nach der Technik, welche die ersten beiden Bereiche unterstütze:

  • Wie muss die IT-Infrastruktur aussehen, um dem Mandanten Nutzen bringende Dienste anbieten und den Menschen die geplante Zusammenarbeit zu ermöglichen?
  • Welche Prozesse und Daten benötigen wir hierfür?

Dieses konsequent mandantenzentrierte Vorgehen berge die Chance, auch künftig relevante, wertschöpfende Arbeiten erfolgreich anbieten zu können. Als gelungene Beispiele neuartiger und mandantenfokussierter Lösungen nannte er exemplarisch das M&A-Due-Diligence-Mindmap-Tool ChangeMaker von Osborne Clark oder das Fremdpersonaleinsatz-Tool von CMS Hasche Sigle. Diese Entwicklung darf aber nach der Ansicht von Sascha Theißen nicht mit diesen ersten Ansätzen enden. Stattdessen sollten alle Mitarbeiter einer Kanzlei stets die Bedürfnisse der Mandanten im Blick haben und Ideen zu deren Abdeckung schnell konzipieren und validieren können.

Kanban & Design Thinking

Mit dieser konsequenten Fokussierung auf die teilweise noch unbekannten Bedürfnisse der Mandanten gehen deutliche Veränderungen einher. Sascha Theißen beschäftigte sich deshalb anschließend mit den Möglichkeiten, sich heute schon auf die bekannten und noch unbekannten zukünftigen Anforderungen von Mandanten und Technologien einzustellen. Hierzu gebe es eine Vielzahl von Tools und Ansätzen, um in Teilbereichen mit einem Team von Willigen schnelle Erfolge zu erzielen. Dies alleine reiche aber nicht aus. Daher stellte er zusätzlich Kanban als evolutionären Veränderungsprozess vor, der es erlaube, ohne einen klassischen Change-Prozess und die damit häufig verbundenen Widerstände auszukommen, und einen Wandel aller Teile der Organisation bewirken könne. Dabei werde bei Kanban zuerst die jeweiligen Rollen und Arbeitsweisen transparent gemacht, um anschließend gemeinsam mit den Mitarbeitern Verbesserungen zu erarbeiten. Auf diese Weise könnten Schritt für Schritt kleine Veränderungen erzielt werden, die mittelfristig in einen Modus konstanter Verbesserung und Anpassung aller Mitarbeiter an allen Ecken der Organisation führten. Sascha Theißen zeigte darüber hinaus Beispiele für neue Zusammenarbeitsmodelle in crossfunktionalen Teams, geänderte Raumkonzepte, den Einsatz von Legal Design Thinking und die profitable, proaktive Abkehr von der billable hour. Durch die neue Zusammenarbeit von Juristen mit IT-Spezialisten, Prozess-Spezialisten, AI-Systemen & Co. ließen sich zudem die Wünsche heutiger Prädikatsjuristen nach kürzeren Arbeitszeiten, mehr Flexibilität und inhaltlich bedeutenderer, spannenderer Tätigkeit besser verwirklichen und damit Probleme beim Recruiting und der Retention abmildern.

Sascha Theißen hat die Teilnehmer dabei zielsicher an der Stelle abgeholt, wo diese gegenwärtig stehen, und mit einem umfassenden Vortrag im Detail skizziert, wo die Reise zukünftig hingeht.

Pitch: Cyber Law Clinic (Universität Hamburg) von Dalia Moniat

Danach pitchte Dalia Moniat das Konzept der Cyber Law Clinic Hamburg und lud die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu ein, sich bei dieser studentischen Rechtsberatung zum Internetrecht zu engagieren bzw. diese zu unterstützen und zu fördern.

Ausblick

Zum Abschluss gab Nico Kuhlmann einen Ausblick auf die anstehenden Termine im Rest des Jahres:

Zudem stellte er kurz die beiden Bücher „Liquid Legal: Transforming Legal into a Business Savvy, Information Enabled and Performance Driven Industry” sowie “Rules for a Flat World: Why Humans Invented Law and How to Reinvent It for a Complex Global Economy” vor und forderte die Interessierten auf, sich gerne unter Meetup.com in der Gruppe Hamburg Legal Tech Meetup eintragen, um in Bezug auf die nächsten Meetups auf dem Laufenden zu  bleiben.