Die Veränderungen als Chance sehen – Erfahrungsbericht: CodeX – Interview mit Patrick Häde

von Nico Kuhlmann

Wer ein Gefühl dafür bekommen möchte, in welche Richtung sich die deutsche Rechtsbranche in Zukunft durch die Digitalisierung entwickeln könnte, sollte sich unter anderem einen Überblick darüber verschaffen, was gegenwärtig in den USA passiert und welche Akteure dort die Entwicklungen vorantreiben.

Patrick Häde ist Student der Bucerius Law School in Hamburg und leidenschaftlicher Programmierer. Er hat bereits selbst Apps entwickelt sowie Startups gegründet und kürzlich ein halbes Jahr am CodeX, dem Stanford Center for Legal Informatics, verbracht.

Nico Kuhlmann: Lieber Patrick, was genau ist CodeX und gibt es etwas Vergleichbares in Deutschland?

Patrick Häde: Das CodeX ist ein Center der Stanford Law School, das es sich zum Ziel gesetzt hat,  die Forschung und Lehre, aber auch das internationale Netzwerk im Bereich Legal Tech voranzubringen. Es werden dort neben Events und Vorträgen auch Forschungsprojekte durchgeführt und Konferenzen veranstaltet, zu denen Legal Tech-Interessierte und Unternehmer aus aller Welt anreisen, um mehr über diesen Bereich zu lernen.

Das CodeX selbst existiert jetzt schon mehrere Jahre, deshalb habe ich etwas Vergleichbares, institutionell so gefestigtes, in Deutschland noch nicht gefunden. An der Bucerius Law School entwickelt sich mit dem „Law Port“ jedoch gerade etwas in diese Richtung.

Nico Kuhlmann: Welche Position hast du dort gehabt und wie sahen deine Aufgaben aus? Bei welchen Projekten hast du dich eingebracht?

Patrick Häde: Meine Position dort hieß Visiting Student Intern und ich hatte mehrere Aufgabenfelder. Nachdem ich in der ersten Woche das CodeX kennengelernt und mich einigermaßen auf diesem riesigen Campus zurechtgefunden hatte, habe ich vor allem begonnen, an der CodeX Datenbank für Legal Tech-Unternehmen  zu arbeiten. Diese Datenbank richtet sich an Unternehmer und Juristen der amerikanischen Rechts- und Legal Tech-Branche und stellt für diese vor allem Unternehmensdaten zur Verfügung, mithilfe derer sich ein guter Einstieg in den Markt finden lässt. Auch große Nachrichtenagenturen haben schon auf den Techindex zurückgegriffen und sie wird auch von Interessierten weltweit bereits häufig besucht. Ich habe die Website dafür neu designed und Funktionen zur Datenverarbeitung hinzugefügt. Das waren also konkrete Programmieraufgaben.

Darüber hinaus habe ich aber auch dabei geholfen, die Veranstaltungen des CodeX auf dem Campus mitzuorganisieren, wie zum Beispiel monatliche Fach- und Forschungsvorträge direkt am CodeX, Startup Pitches oder Beiträge für die Future Law Conference, eine der größten Legal Tech-Konferenzen, die einmal jährlich in Stanford am CodeX stattfindet.

Daneben habe ich einen anderen Student Intern bei einem Projekt im Bereich “Data Science” für die Stadtverwaltung von San Francisco unterstützt. Dabei ging es um die Frage, wie Daten von polizeilichen Festnahmen zur Erkennung von Rassismusmustern genutzt werden könnten, ein extrem spannendes Projekt.

Vor allem nach den ersten zwei Monaten war ich für das CodeX aber auch viel unterwegs, habe die Rechtsabteilung bei Facebook in Menlo Park und Produktmanager bei Google besucht.

Nico Kuhlmann: Du hast bereits zweimal die Einführungsveranstaltung „Coding for Lawyers“ in Hamburg angeboten. Welche Kurse bietet CodeX und die Stanford University den Jura-Studierenden in Bezug auf die Digitalisierung an?

Patrick Häde: Dadurch, dass das CodeX schon mehrere Jahre existiert, ist die Stanford Law School in dieser Frage schon sehr weit. Der Kurs Legal Informatics  von Roland Vogl , dem Direktor des CodeX, ist bei den Studenten dort extrem beliebt. Für mich war aber auch das dort etablierte “Coding for Lawyers”-Format sehr spannend. Bei diesem Kurs erarbeiten CodeX-Fellows, beispielsweise Stanford Law Alumnus Pieter Gunst, in einem Kurs mit Studenten ein Software-Projekt und vermitteln dabei direkt praktische Erfahrungen.

Darüber hinaus sind besonders die gemeinsam organisierten Veranstaltungen von School of Law und School of Engineering in meinen Augen ein großer Gewinn, wie zum Beispiel das wöchentliche Meetup von Michael Genesereth, Technology-Professor in Stanford.

Nico Kuhlmann: Was hast du nach dem halben Jahr in den USA für dich mitgenommen? Auf welche Entwicklungen stellst du dich ein?

Patrick Häde: Wie in vielen Bereichen der Digitalisierung ist auch der Legal Tech-Markt im Silicon Valley schon sehr fortgeschritten. Ich habe neben den praktischen Erfahrungen und vielen prägenden Kontakten zu spannenden Menschen auf dem Stanford Campus auch mitgenommen, dass wir hier in Deutschland einfach meist zu ängstlich und zögerlich sind.

Wer Veränderungen als Chance und Möglichkeit sieht, der kann sie nutzen und sich weiterentwickeln.

Und genau das sollten wir eben auch in der Rechtsbranche tun: Sowohl Institutionen, als auch Unternehmen in Deutschland und Europa sollten die Veränderungen in den USA nicht nur  beobachten, sondern für ihre eigene Zukunft daraus lernen und selbst aktiv werden. Ich denke, dass sich die juristische Branche – wenn auch etwas langsamer als andere – in den nächsten Jahren zu einer immer weiter durch Software- und Legal Tech-Unternehmen gestürzten Profession entwickeln wird. Das wird am Markt nicht nur denen einen großen Vorteil verschaffen, die sich früh mit neuen Technologien befasst haben, es wird auch die Nachfrage an Juristen mit einem erweiterten Grundverständnis im Tech-Bereich stark erhöhen.

Nico Kuhlmann: Welche Projekte stehen demnächst bei dir an? Hast du bereits neue Ideen oder schon konkrete Pläne?

Patrick Häde: Mein momentan größtes Projekt in diesem Bereich ist ein Software-System für die European Legal Tech Association (ELTA), das ich zusammen mit meinem Team von der wunderfactory umsetze. Ohne jetzt bereits zu viel zu verraten, kann ich sagen, dass wir ein System zur Verarbeitung von Marktdaten in der europäischen Legal Tech-Branche entwickeln, das wir im Sommer diesen Jahres vorstellen werden.

Daneben möchte ich gern auch Coding for Lawyers fortsetzen, wir bekommen in letzter Zeit immer wieder neue Anfragen von Studenten, aber auch Kanzleien, die an diesen Themen, den Workshops und Vorträgen sehr interessiert sind.

Nico Kuhlmann: Welchen Tipp würdest du anderen Studierenden und Jungjuristen geben, die sich mit der Digitalisierung der Rechtsbranche beschäftigen wollen?

Patrick Häde: Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, offen für die momentanen Veränderungen zu sein, ohne dabei in Angst zu verfallen. Die Juristerei ist eine Profession mit einem unglaublich hohen Grad an Komplexität und deswegen ist Angst davor, dass Roboter oder Computer schon in wenigen Monaten den Job von Juristen machen, auch unbegründet. Aber die Branche verändert sich und sie wird das in Zukunft in immer höheren Grad tun.

Ganz konkret: Eine Mitgliedschaft in der ELTA würde ich jedem ans Herz legen, es macht in meinen Augen sehr viel Sinn, über dieses Netzwerk am Zahn der Zeit zu bleiben. Verschiedene Konferenzen zu Legal Tech, die gerade immer öfter veranstaltet werden, können ein geeigneter Einstieg in die Thematik sein. Die Datenbank des CodeX bietet eine interessante Übersicht über die Unternehmen der Legal Tech-Branche und wir haben sogar unsere “Coding for Lawyers”-Vorträge auf Youtube  gestellt, um einen Online-Einstiegskurs für diese Themen zu bieten:

Offenheit für Neues ist weiterhin wohl das Wichtigste: Die Rechtsbranche wird sich verändern, aber es besteht für jeden die Chance, genau das als Gewinn zu verstehen und zu nutzen.

Nico Kuhlmann: Lieber Patrick, vielen Dank für das Interview! Alles Gute für deine weiteren Projekte.